Die Macht der Versuchung

Illustration eines Mannes, der drei geheimnisvollen Hexen und einer leuchtenden Krone vor einer Burg in einer nebligen Landschaft gegenübersteht.
Die Versuchung trägt viele Gesichter.

Manchmal ergibt sich der Moment im Unterricht, ein Drama zu lesen. Eines der selteneren Gelegenheiten ist dann Macbeth. Ich teile die Klasse in kleine Gruppen ein und gebe ihnen eine einfache Aufgabe: Inszeniert die erste Szene des Dramas. Ihr seid die Regisseure. Überlegt gemeinsam, wie ihr sie auf die Bühne bringen würdet.

Das Ergebnis ist fast immer dasselbe: Die drei Hexen wirken freundlich, manchmal sogar lustig. Es wird gekichert, mit schrillen Stimmen gesprochen und wild gestikuliert. Oft endet die Szene mit Gelächter. Niemand empfindet sie als wirklich bedrohlich. Eigentlich ist das auch kaum überraschend. Unsere Vorstellung von Hexen stammt heute eher aus Märchen, Fantasyfilmen oder Halloween als aus dem Weltbild des 16. Jahrhunderts.

Anschließend zeige ich dieselbe Szene aus der Verfilmung von 2015: Die Stimmung könnte kaum unterschiedlicher sein. Nebel liegt über einer trostlosen Landschaft. Die drei Frauen erscheinen beinahe lautlos. Alles wirkt kalt, fremd und unheimlich. Bereits zu Beginn begegnen wir einem Macbeth, dessen Leben von Verlust geprägt ist. Noch bevor überhaupt ein Wort gesprochen wird, macht der Film deutlich, dass hier etwas geschieht, das weit über eine zufällige Begegnung hinausgeht.

An diesem Punkt halte ich den Film an und stelle meinen Schülerinnen und Schülern eine einfache Frage: Warum wirken beide Inszenierungen so unterschiedlich?

Die Antwort führt mitten hinein in das eigentliche Verständnis des Dramas.

Hexenbilder im Wandel

Wir lesen Macbeth mit den Augen des 21. Jahrhunderts. Shakespeare schrieb das Stück jedoch gegen Ende des 16. Jahrhunderts für ein Publikum, das die Welt vollkommen anders verstand.

England war von einem tiefen christlichen Weltbild geprägt. Gott hatte die Welt erschaffen und ihr eine Ordnung gegeben. Jeder Mensch besaß seinen Platz innerhalb dieser Ordnung. Der König herrschte nicht allein aufgrund seiner politischen Macht, sondern galt als von Gott eingesetzt. Familie, Gesellschaft und Natur bildeten ein Gefüge, das nicht beliebig verändert werden durfte.

Auch König Jakob I., unter dessen Herrschaft Macbeth entstand, beschäftigte sich intensiv mit Hexerei. Er war überzeugt, dass Hexen tatsächlich existierten und als Werkzeuge des Bösen handelten. Hexenprozesse waren keine Seltenheit. Für das damalige Publikum waren Hexen deshalb keine Märchenfiguren, sondern Ausdruck einer Wirklichkeit, vor der man sich fürchtete.

Genau deshalb entfaltet die erste Begegnung zwischen Macbeth und den drei Hexen ihre ganze Wirkung. Die Hexen begrüßen ihn zunächst als Thane von Glamis, anschließend als Thane von Cawdor und schließlich mit den berühmten Worten: „Heil, Macbeth, der einst König sein wird.“

An dieser Stelle geschieht noch kein Verbrechen.

Die Hexen zwingen Macbeth zu nichts. Sie geben ihm keinen Befehl. Sie reichen ihm kein Schwert. Sie säen lediglich einen Gedanken, der sich tief in seinem Herzen festsetzt. Zum ersten Mal stellt er sich eine Zukunft vor, die ihm eigentlich gar nicht zusteht.

Hier beginnt die eigentliche Versuchung.

„Stars, hide your fires; Let not light see my black and deep desires.“

(Act I, Scene 4 – auf Deutsch in etwa: „Sterne, verbergt euer Licht; kein Strahl soll meine dunklen und tiefen Wünsche sehen.“ Der Moment, in dem Macbeth selbst merkt, dass etwas in ihm wächst.)

Versuchung und Entscheidung

Oft stellen wir uns das Böse spektakulär vor. In Macbeth beginnt es erstaunlich unscheinbar. Ein Gedanke. Ein Wunsch. Eine Möglichkeit. Macbeth hätte diesen Gedanken zurückweisen können. Niemand nimmt ihm seine Entscheidung ab. Doch je länger er über die Prophezeiung nachdenkt, desto stärker wächst der Wunsch nach der Krone. Als seine Frau von den Worten der Hexen erfährt, bestärkt sie ihn zusätzlich. Gemeinsam überschreiten sie schließlich eine Grenze, die sie nie hätten überschreiten dürfen.

Macbeth ermordet König Duncan.

Mit diesem Mord endet seine Geschichte jedoch nicht. Eigentlich beginnt sie erst dort. Um seine neue Macht zu sichern, folgen weitere Morde. Freunde werden zu Feinden, Misstrauen ersetzt Vertrauen und Angst bestimmt jede weitere Entscheidung. Jeder Versuch, die Folgen des ersten Verbrechens zu kontrollieren, führt zu einem neuen.

Shakespeare beschreibt damit einen Mechanismus, der weit über seine Zeit hinausreicht. Das Böse entsteht selten aus dem Nichts. Es wächst Schritt für Schritt. Eine kleine Grenzüberschreitung macht die nächste leichter. Irgendwann erkennt der Mensch sich selbst kaum noch wieder. Aus christlicher Perspektive lässt sich diese Entwicklung gut als Geschichte der Versuchung verstehen. Die Sünde beginnt nicht erst mit der Tat. Sie beginnt dort, wo der Mensch der Versuchung Raum gibt und zulässt, dass sie sein Denken bestimmt.

Ordnung und Konsequenzen

Mit jedem Mord entfernt sich Macbeth weiter von der Ordnung Gottes. Shakespeare zeigt das nicht nur am Verhalten der Figuren. Auch die Natur gerät aus dem Gleichgewicht. Dunkelheit, Unwetter und Unruhe begleiten den Weg des neuen Königs. Die Welt selbst scheint zu spüren, dass etwas Grundlegendes zerstört wurde.

Am Ende wird diese Ordnung wiederhergestellt: Macbeth fällt im Kampf gegen Macduff. Malcolm übernimmt den Thron und wird rechtmäßiger König Schottlands. Das Unrecht hat eine Zeit lang Erfolg, dauerhaft bestehen kann es jedoch nicht.

Gerade deshalb ist Macbeth auch nach mehr als vierhundert Jahren erstaunlich aktuell. Das Drama erzählt keine Geschichte über Hexen. Es erzählt von Menschen. Von Menschen, die sich verführen lassen. Von Menschen, die ihre eigenen Grenzen verschieben. Von Menschen, die irgendwann überzeugt sind, jedes Mittel sei erlaubt, solange das Ziel groß genug erscheint.

Die Geschichte kennt dafür unzählige Beispiele. Vor gut achtzig Jahren ließen sich Millionen Menschen von einer menschenverachtenden Ideologie verführen. Unter ihnen waren Männer, die in ihrer Nachbarschaft freundlich grüßten, ihren Familien zugewandt erschienen und dennoch an Verbrechen beteiligt waren, die jedes menschliche Vorstellungsvermögen übersteigen. Das Böse kündigt sich eben nicht immer mit einem furchteinflößenden Gesicht an.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Stärke von Macbeth: Die drei Hexen gehören einer vergangenen Epoche an. Die Versuchung, Macht über Moral zu stellen, begleitet den Menschen bis heute. Stimmen, die einfache Antworten versprechen, Ängste schüren oder den Eindruck vermitteln, bestimmte Regeln gälten für sie nicht, hat es zu jeder Zeit gegeben.

Welche Gestalt diese Versuchungen heute annehmen und welche Stimmen wir bereit sind, in unser Herz zu lassen, muss jeder von uns selbst beantworten.

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