Die traurige Wahrheit in „Der große Gatsby“

Illustration: Ein Mann im Anzug steht auf einem Segelboot und blickt über dunkle Wellen auf ein fernes grünes Licht, Sinnbild für Vergänglichkeit und unerreichbare Sehnsucht.

Der große Gatsby gilt als eines der bedeutendsten Werke der Weltliteratur. Viele Literaturwissenschaftler lesen den Roman vor allem als Kritik am Kapitalismus, am amerikanischen Traum und an einer Gesellschaft, die Erfolg und Wohlstand über alles stellt. Diese Deutung ist nachvollziehbar. Trotzdem glaube ich, dass sie einen Gedanken übersieht, der mich beim Lesen und besonders beim Film sehr viel stärker beschäftigt hat.

Im Film gibt es ein Zitat, das im Roman gar nicht vorkommt. Daisy spricht mit ihrem Cousin Nick über ihre Ehe. Sie erzählt, dass Tom sie während ihrer Schwangerschaft betrogen hat und wiederholt ihre berühmte Bemerkung, dass ein Mädchen am besten „ein kleines Dummerchen“ sein sollte. Anschließend richtet sie ihren Blick auf das grüne Licht am Ufer und sagt einen Satz, der im Buch nicht vorkommt und mich seitdem nicht mehr loslässt: „All die strahlenden, kostbaren Dinge vergehen so schnell und sie kommen nicht zurück.“

Dieser Satz wirkt zunächst wie eine melancholische Bemerkung. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr erscheint er mir als der eigentliche Kern der Geschichte. Denn Der große Gatsby erzählt von Menschen, die ihr Leben damit verbringen, etwas festhalten zu wollen, das sich nicht festhalten lässt. Liebe, Erfolg, Jugend, Anerkennung oder Erinnerungen. Kaum glaubt man, etwas erreicht zu haben, beginnt es bereits zu verschwinden.

Während meines Studiums habe ich in einer Fabrik gearbeitet, in der Duschgel produziert wurde. Dort gab es eine Mitarbeiterin, die ständig versuchte, die Produktionsabläufe weiter zu verbessern. Normalerweise lief eine Produktionslinie vielleicht drei Viertel der Zeit störungsfrei. Der Rest bestand aus kleineren Ausfällen, technischen Problemen und Unterbrechungen. Sie schaffte etwas Außergewöhnliches. In einer einzigen Schicht produzierte ihre Linie rund 80.000 Flaschen, deutlich mehr als jemals zuvor. Am nächsten Morgen kam sogar der Werksdirektor persönlich vorbei. Er brachte einen Blumenstrauß mit, gratulierte ihr vor allen Kolleginnen und Kollegen und würdigte ihre Leistung. Es war einer dieser seltenen Momente, in denen sich monatelange Arbeit auszuzahlen scheint.

Doch unmittelbar danach beugte er sich zu ihr und sagte: „Dann können wir ja jetzt die 100.000 versuchen.“

Dieser eine Satz verändert die ganze Situation. Eben noch war ihre Leistung außergewöhnlich. Wenige Sekunden später war sie bereits der neue Maßstab. Der Erfolg durfte nicht bleiben. Er musste sofort übertroffen werden. Ich weiß nicht, wie sie sich in diesem Moment gefühlt hat. Vielleicht war sie weiterhin stolz. Vielleicht empfand sie aber auch, dass ihr größter Erfolg bereits wieder verschwunden war, noch bevor sie ihn wirklich genießen konnte.

Genau daran muss ich denken, wenn ich Daisys Satz höre. Die kostbaren Dinge verschwinden oft nicht erst nach Jahren. Manchmal verschwinden sie genau in dem Augenblick, in dem wir glauben, sie endlich erreicht zu haben. Das gilt für berufliche Erfolge ebenso wie für Besitz, Beziehungen oder persönliche Ziele. Kaum haben wir einen Gipfel erklommen, richtet sich unser Blick schon auf den nächsten. Zufriedenheit hält oft nur einen kurzen Moment an.

Auch das Ende von Der große Gatsby weist in diese Richtung. Berühmt sind die letzten Worte des Romans:

„Gatsby glaubte an das grüne Licht, an die verheißungsvolle Zukunft, die Jahr für Jahr vor uns zurückweicht. Gestern noch ist sie uns entkommen, aber was macht das schon - morgen laufen wir schneller, strecken die Arme noch weiter aus... Und eines herrlichen Morgens ... So legen wir uns in die Riemen, rudern gegen den Strom, und fortwährend zieht es uns zurück in die Vergangenheit.“

Meist werden sie als Ausdruck des unerreichbaren amerikanischen Traums verstanden. Für mich beschreiben sie vor allem die menschliche Existenz. Wir streben nach vorne, planen, hoffen und arbeiten auf etwas hin. Gleichzeitig trägt uns die Zeit unaufhaltsam weiter. Jeder Tag, der vergeht, wird Teil unserer Vergangenheit und bringt uns einem Ende näher, das niemand vermeiden kann.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Tragik von Gatsbys Geschichte. Es geht weniger um Reichtum als um Vergänglichkeit. Geld kann den Lauf der Zeit nicht aufhalten. Liebe kann die Vergangenheit nicht zurückholen. Erfolg kann nicht dauerhaft festgehalten werden. Alles, was wir für kostbar halten, bleibt uns nur für eine begrenzte Zeit.

Das macht Der große Gatsby für mich zu weit mehr als einer Gesellschaftskritik. Der Roman stellt eine Frage, die weit über Kapitalismus und Wohlstand hinausgeht: Was geschieht mit einem Menschen, der sein ganzes Leben etwas hinterherläuft, das sich grundsätzlich nicht festhalten lässt? Vielleicht besteht die eigentliche Botschaft darin, dass wir den Wert eines Augenblicks erst erkennen, wenn wir akzeptieren, dass er vorübergeht. Gerade weil alles vergänglich ist, besitzt jeder Moment sein eigenes Gewicht. Das ist ein düsterer Gedanke. Gleichzeitig ist er einer, über den es sich lohnt, lange nachzudenken.

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