Manchmal braucht es erstaunlich wenig, um sich plötzlich wieder mit einem Teil der eigenen Geschichte zu beschäftigen, der eigentlich schon immer da war. Bei mir waren es mein 40. Geburtstag, ein Besuch meiner Familie in Rostock und ein Gespräch, das irgendwann bei unserer Familiengeschichte landete.
Meine Familie hat kanadische Wurzeln. Das ist für mich keine neue Erkenntnis. Mein Vater wurde in Ontario geboren, Teile meiner Familie leben in Kanada, und auch die kanadische Staatsbürgerschaft ist für mich kein vollkommen neuer Gedanke. Trotzdem war Kanada über viele Jahre vor allem etwas, das zu meiner Herkunft gehörte, ohne in meinem Alltag besonders präsent zu sein.
An meinem Geburtstag änderte sich das ein wenig. Meine Tante erzählte mir von ihren aktuellen Nachforschungen über unsere Familie und insbesondere über unsere First-Nations-Vorfahren. In unserer Familie gibt es Angehörige mit sogenanntem „Indian Status“, einer besonderen Rechtsstellung nach dem kanadischen Indian Act. Auch bei mir könnte aufgrund meiner Abstammung möglicherweise eine Berechtigung zur Registrierung bestehen. Ob das tatsächlich der Fall ist, hängt von einigen Details der Familienlinie und der jeweiligen Registrierung meiner Vorfahren ab. Genau diesen Fragen geht meine Tante gerade nach.
Und irgendwo während dieses Gesprächs fiel dann sinngemäß der Satz: Eigentlich könnte ich mich langsam auch einmal darum kümmern, meine kanadische Staatsbürgerschaft offiziell nachweisen zu lassen. Eigentlich. Denn das ist eine dieser Sachen, die man jahrelang vor sich herschiebt. Man weiß, dass sie da ist, sie läuft einem nicht weg, und für den Alltag in Deutschland macht es zunächst kaum einen Unterschied, ob irgendwo ein kanadisches Certificate of Citizenship in einer Schublade liegt oder eben nicht.
Also habe ich angefangen, mich damit zu beschäftigen. Was zunächst nach einem relativ überschaubaren Verwaltungsakt klang, führte ziemlich schnell in die wunderbare Welt internationaler Bürokratie: Geburtsurkunden, Abstammungsnachweise, kanadische Dokumente, beglaubigte Übersetzungen und die Frage, wie man etwas nachweist, wenn einem selbst nicht sämtliche Dokumente der vorherigen Generation zur Verfügung stehen.
Gerade dieser letzte Punkt macht die Sache bei mir etwas komplizierter. Der entscheidende Nachweis führt über meinen in Kanada geborenen Vater, zu dem ich keinen Kontakt habe. Damit fehlt mir ausgerechnet der bequemste Weg, an bestimmte Unterlagen zu gelangen. Unmöglich scheint das Verfahren deshalb nach meiner bisherigen Recherche keineswegs zu sein. Es bedeutet wahrscheinlich einfach mehr Papier, mehr Recherche und etwas mehr Geduld.
Und vielleicht ist es genau das, was mich an der ganzen Sache inzwischen viel mehr beschäftigt als der eigentliche Antrag: Denn je länger ich mich damit befasse, desto weniger fühlt es sich an wie die Beantragung irgendeines Dokuments. Ich entdecke gerade einen Teil meiner eigenen Geschichte wieder.
Plötzlich lese ich über Ontario anders. Namen von Orten, die für andere Menschen irgendwo auf einer riesigen kanadischen Landkarte liegen, sind für mich mit meiner Familie verbunden. Ich beschäftige mich mit Gesetzen, die vor Jahrzehnten darüber entschieden haben, wer in Kanada seinen Status als First Nations behalten durfte und wer ihn verlor. So verlor beispielsweise meine Großmutter durch die damalige Rechtslage ihren Status infolge ihrer Heirat; spätere Gesetzesänderungen sollten solche diskriminierenden Regelungen schrittweise korrigieren. Aus einer zunächst recht abstrakten Familiengeschichte werden damit konkrete Lebensgeschichten, politische Entscheidungen und Folgen, die über Generationen hinweg reichen.
Dabei merke ich, wie eigenartig Herkunft eigentlich funktioniert. Ich bin in Deutschland aufgewachsen. Mein Leben findet hier statt. Meine Sprache, meine Erinnerungen, meine Ausbildung, mein Beruf und nahezu alles, was meinen Alltag ausmacht, sind hier verwurzelt. Und trotzdem gehört Kanada ebenso zu meiner Geschichte. Diese Verbindung ist nicht plötzlich entstanden, nur weil ich mich gerade intensiver damit beschäftige. Sie war immer vorhanden. Ich habe ihr lediglich lange wenig Aufmerksamkeit geschenkt.
Vielleicht möchte ich gerade deshalb meiner kanadischen Identität irgendwann auch ganz banal Ausdruck verleihen können: mit einem offiziellen Nachweis darüber, was rechtlich ohnehin längst besteht.
Und mit diesem kleinen Stück Papier verändert sich theoretisch erstaunlich viel. Ich könnte einen kanadischen Pass beantragen. Ich könnte nach Kanada reisen und dort als kanadischer Staatsbürger einreisen. Und wenn ich eines Tages auf die vollkommen verrückte Idee käme, mein bisheriges Leben einzupacken und nach Ontario oder Toronto zu ziehen, müsste ich niemanden um ein Visum oder eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis bitten. Ich könnte es tun.
Aktuell habe ich das überhaupt nicht vor. Gerade deshalb gefällt mir dieser Gedanke vielleicht so gut. Es ist keine Entscheidung, die getroffen werden muss. Es ist eine Möglichkeit. Irgendwo auf der anderen Seite des Atlantiks existiert ein Land, das Teil meiner Familiengeschichte ist und in dem ich, wenn ich irgendwann wollte, ein neues Kapitel beginnen könnte.
Mit 40 bekommt dieser Gedanke für mich noch einmal eine besondere Bedeutung. Man könnte meinen, dass die großen Eckpunkte der eigenen Identität in diesem Alter längst geklärt seien. Woher man kommt. Wohin man gehört. Was man einmal machen möchte. Das Leben hält sich erstaunlich selten an solche Vorstellungen. Vielleicht muss auch gar nicht alles mit 20 entschieden und mit 40 abgeschlossen sein.
Man darf mit 40 anfangen, die eigene Familiengeschichte genauer zu betrachten. Man darf mit 45 noch einmal etwas Neues lernen. Man darf mit 50 an einem anderen Ort leben wollen. Und man darf genauso gut feststellen, dass man dort bleiben möchte, wo man bereits ist. Für mich beginnt deshalb gerade keine Auswanderungsgeschichte. Wahrscheinlich wird daraus in nächster Zeit vor allem eine ziemlich unspektakuläre Geschichte aus Formularen, Urkunden und Behördenpost.
Aber dahinter steckt etwas, das mir wesentlich wichtiger erscheint: die Beschäftigung mit der Frage, woher ich komme und welche Teile dieser Geschichte zu mir gehören. Kanada war schließlich die ganze Zeit da, doch ich schaue nur gerade wieder etwas genauer hin.